Abisko - letztes Wochenende im Juni - ohne Worte
Hiltrud am 1. Juli 2009 um 20:47















In Schweden brüstet man sich damit, dass alles “lagom” ist (gerade richtig), nicht gut und nicht schlecht, nicht groß und nicht klein, nicht dumm und nicht gescheit … Das Wetter jedoch ist nicht lagom, zumindest nicht in Norrland. Im Winter ist es - wenn kein Schnee liegt - dunkel. Hier bei uns in Jokkmokk von 2 Uhr nachmittags bis 10 Uhr morgens. Ist das “lagom”? Nee! Im Sommer dagegen wird es nie mehr dunkel. Nie! Derzeit ist es also rund um die Uhr hell und die Touristen jubeln. Anstatt 3 Wochen Urlaub, haben sie 6 Wochen … für das gleiche Geld. Ich jedoch sehne mich nach etwas mehr Dunkelheit. Es ist die ganze Zeit shit hell, wenn ich ins Bett will, scheint die Sonne auf die Baumspitzen, auf den See und ins Küchenfenster. Kann man da ins Bett gehen? Nein, man muss raus! Wenn ich nachts aufwache, scheint die Sonne, wenn ich dann endlich wieder einschlafe und am Morgen gerädert aufwache, weil es eben nie dunkel ist, ist es hell und die Sonne scheint. Wie sagte mir einmal eine Frau aus GranCanaria: Mir macht es nichts aus, wenn es hier in Stockholm regnet. Bei mir zuhause scheint die ganze Zeit die Sonne und ich kann diese scheiß Sonne nicht mehr sehen”. Ich auch nicht! Ich will es dunkel haben, wenn ich abends ins Bett gehe, will es hell haben, wenn ich aufwache. Normal eben, lagom eben. Aber so isses nicht … Und wenn es denn so wäre, dann würde mir wahrscheinlich die Helligkeit fehlen …
Hier ein Bild von der Mitternachtssonne - kein Wunder, dass ich nicht mehr ins Bett komme. Sie ist zu schön …

Nicht nur schwedische Krimis werden verfilmt. Heute stand in der Piteå -Zeitung, dass das Jugendbuch von Peter Pohl “Jag saknar dig” auf deutsch bei DTV erschienen unter “Du fehlst mir, du fehlst mir” in Piteå verfilmt wird. Die Stadt Piteå wird mit 700 000 schwedischen Kronen zum Film beitragen. Das Buch hat in Schweden den berühmten “Augustpreis” bekommen, in Deutschland wurde es mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Im Buch geht es um ein vierzehnjähriges Mädchen, das ihre Zwillingsschwester bei einem Autounfall verliert und versucht, mit diesem Schicksalsschlag fertig zu werden. Peter Pohl ist einer der besten Jugendbuchautoren Schwedens, die ich kenne. Sehr zu empfehlen ist auch seine “Regenbogen-Trilogie”- auch bei DTV erschienen.
Wer den Artikel nachlesen möchte:
http://www.pitea-tidningen.se/nyheter/artikel.aspx?ArticleId=4687443
Es gibt mal wieder eine neue Statistik. Diesmal zum Thema “Was machen die Schweden sonst noch beim Autofahren?” Am häufigsten gaben sie an, dass sie mit dem Handy telefonieren, was in Schweden immer noch nicht verboten ist. 58% singen, wobei Frauen mehr singen als Männer, 31% trinken, 45% schimpfen auf andere Autofahrer, 22% essen, 9 % weinen im Auto und 7% spielen während des Autofahrens mit ihren Kindern. Das Auto, Gefährt in allen Lebenslagen. Gut, dass es so hoch oben bei uns im Norden nicht so viele Autofahrer/innen gibt.
So ist der Name des fiktiven Terroristenlandes in der NATO-Übung „Loyal Arrow“ (LAW 09), die in Schwedisch Lappland stattfindet.
So peinlich und dumm –siehe zum Thema „Dumm“ vorherigen Beitrag im Blog- dass die Frage nach rassistischen Tendenzen in dieser Namensgebung gar nicht gestellt werden sollte. Die Namensgebung hat jedoch Sami und Muslimische Vereinigungen in Schweden empört, und die Vereinigung für Afghanistansolidarität hat die Schwedische Wehrmacht bei der Diskriminierungsbehörde angezeigt. Wohl zu Recht – kein denkender Mensch würde bei einer Militärübung am Golf das fiktive Feindesland „Niggerland“ nennen, oder?
Doch in Schweden ist so was möglich. Nicht genug, dass Schweden stets, wie schon im 2.Weltkrieg, sich in seinen „Neutralitäts-Mantel“ kleidet, so ist das Land doch Gastgeber für die NATO: „LAW 09 is held with the kind permission and full cooperation of the Swedish government“, ist auf der englischsprachigen Webseite der Schwedischen Wehrmacht zu lesen.
http://www.mil.se/sv/About-the-Armed-Forces/Exercises/Loyal-Arrow-2009/
So werden also 800-900 Soldaten in ihren Befehlen das Feindesland „Lapistan“ bekämpfen, sogar aus der Luft mit 50 Kampfjets.
Schweden macht sich mal wieder lächerlich und keiner merkt es.
Bleibt also Lappland fern zwischen dem 8.-18. Juni.
Danach, als kleine Musikempfehlung, Konstantin Wecker mit „Es herrscht wieder Frieden im Land“.
http://www.youtube.com/watch?v=sow8U-rnB6w&feature=related
(Text zum Mitsingen siehe: http://lyricwiki.org/ASP:Frieden_Im_Land )
Die Natur ist schön in Schweden, daran ist nicht zu rütteln. Deshalb bin ich hier. Doch manchmal muss man sich im Alltag auch mit Menschen rumschlagen oder mit schwedischen Internetseiten und manchmal bekomme ich den Eindruck, dass ich im Land der Dummen wohne.
Ich plante eine Busfahrt von Jokkmokk, im Inland nach Luleå, am Meer. Besuch hat sich angekündigt und ich möchte meinen Besuch gerne am Flughafen abholen. Es gibt eine wunderbare Internetseite in Schweden www.resplus.se mit der man seine Reisen planen kann. Ich gebe also Jokkmokk und Luleå ein und sehe: shit, am Donnerstag ist Feiertag, Christi Himmelfahrt, auch im unchristlichen Schweden und mein Bus fährt nicht. Aber was macht der schlaue Fahrplan im Internet? Er schlägt mir eine Fahrt mit dem eigenen Auto vor; ich kann mir also einen detaillierten Plan für die Autofahrt um 6.20 Uhr morgens von Jokkmokk nach Luleå ausdrucken, der mir jede Kurve anzeigt, jede kleinste Straße, jedes Sträßchen, bis ich dann ca. 2 Stunden später am Flughafen mit meinem Auto ankomme. Kann das sein? Ich möchte gerne mit dem Bus fahren, weil das Auto streikt, weil es mir zu weit ist zu fahren, weil ich gott verdammt noch mal kein Auto habe … und der Fahrplan zeigt mir die detaillierte Reise mit dem eigenen Auto. Hab ich was verpasst? Bin ich im Land der Doofen, der Dummen, der Unverschämten gelandet oder muss ich das Ganze als geniale Lösung eines genialen Schweden ansehen, der höflich wie er ist, vorschlägt, dass ich doch bitteschön mit dem eigenen Auto fahren soll. Gestern, als das passierte, war ich sprachlos, sprachlos vor einer solchen Unverfrorenheit und Blödheit. Jetzt hab ich eine Nacht darüber geschlafen und möchte, möchte so gerne glauben, dass dieser Vorschlag ein gutgemeinter Ratschlag eines freundlichen oder einer freundlichen Schwedin ist. Aber mir kommen da meine Zweifel. Kann es sein, dass die Schweden im Grunde dumm sind? Warum schlägt die deutsche Bundesbahn keine Fahrten mit dem eigenen Auto vor, wenn der Zug nicht fährt? Ich will nicht glauben, dass sie dumm sind, will nicht, will nicht, will nicht …
Seit gestern, dem 16. Mai, ist es richtig warm geworden, über 20 Grad und das in Jokkmokk. Wir hatten gestern die höchsten Temperaturen in ganz Schweden. Ätsch, Südschweden, wenn ich das mal so sagen darf, denn das kommt sicher nicht so oft vor. Das Eis am Talvatissee ist endgültig geschmolzen, im Wald finden wir nur noch vereinzelt Schneerestchen, seit gestern sprießen die ersten Birkenblätter und unser Nachbar meinte: Früher habe ich erst an Mittsommer Kartoffeln gelegt, jetzt muss ich das schon im Mai machen”. Gott sei Dank denn mir reicht der Winter, er war lang und hart genug! Jetzt endlich können wir wieder in Halbschuhen rumlaufen, können Fahrrad fahren und die vielen Waldwege sind auch wieder befahrbar. Wir waren heute an einem gigantischen Wassesrfal, 35 km von Jokkmokk entfernt. Auf dem Hinweg haben wir O Autos gesehen, auf dem Rückweg 3 - so wollen es die Deutschen und so haben wir es gekriegt. Aber kein Wunder. Der Weg zum Wassesrfall ist nicht ausgeschildert, nur Menschen mit viel Fantasie können ihn erahnen. Die Schweden haben es nicht so sehr mit Werbung oder aber sie meinen: das sollen die Turis nicht wissen, das behalten wir für uns! Wir aber haben es gefunden, sind ja auch keine Turis mehr nach 8 Jahren Schweden, oder fast keine mehr - aber wir werden es irgenwann allen erzählen, wo die schönsten Stellen sind, damit die Gegend weiterleben kann, damit die Menschen auch weiterhin kommen und schauen und staunen und schweigen …
Wie schaut es im Mai in Lappland aus? Verglichen mit Deutschland, wo ich ein paar Tage lang Vorträge gehalten und den Frühling mit blühenden Obstbäumen genossen habe, noch ziemlich trist. Klitzekleine grüne Grashälmchen sprießen aus der Erde, die ersten zaghaften Blümchentriebe sind zu erahnen. Der Schnee ist geschmolzen und auch im Wald kann man wieder laufen. Als ich Mitte April weg bin, sank ich im Wald noch knietief im Schnee ein, jetzt sind nur noch kleine Fleckchen Schnee übrig, die Waldwege sind teilweise von kleinen Bächen überschwemmt, die Flüsse schwellen an, das Wasser kommt mit Macht.
Kauno, unser Hund, lernt gerade, ob das Eis noch trägt oder nicht, er macht seine ersten Versuche mit eiskaltem Schneewasser, aber er scheint vor nichts zurückzuschrecken, und wälzt sich genüsslich in den letzten Schneeresten, ein Norrhund ganz einfach.
Was macht man im Mai in Lappland? Beobachten, wie das Eis schmilzt, den Schwänen beim Fliegen zuschauen, auf einem großen Stein sitzen und die Landschaft betrachten, die aus der Winterstarre erwacht.


Schweden, herrliche Natur und Astrid Lindgren Romantik -
und ein Land, das mehr und mehr geprägt wird von Anpassung,
Duckmäusertum, Jasagern und vor allem der Einstellung:
“misstraue allem und jedem”.
Es zieht sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Lebensbereiche und
die traditionelle Politik verstärkt diese Entwicklung. Manchmal fühle ich mich
an die erzkonservativen 60er Jahre der BRD erinnert, da alles und alle, die von der “Norm” abwichen, “verurteilt” wurden.
Ob nun die Regierende liberale (also konservative) Regierungskoalition
oder auch die rot-grüne Opposition in Schweden das Sagen hat, kaum noch sind
Unterschiede zu erkennen. Ein graues Einerlei im Einheitsstaat.
Und keiner wagt den Mund aufzumachen, meint man. Doch unser Traumland
schaut mit Erstaunen auf eine Gruppe junger Menschen, die den Schutz der
persönlichen Integrität auf ihre Fahnen geschrieben und 2006 die
Pirat Partei gegründet hat.
Heute ist diese Partei die viertstärkste politische Macht, gemessen an
den Mitgliederzahlen. Der Jugendverband der Piratpartei ist sogar Schwedens größte Organisation, weit hinter sich lassend die Jungendorganisationen der schon immer starken Moderaten oder gar der traditionellen Sozialistischen Jugend.
Die Zahlen findet man in Einzelnen auf der Webseite
http://www.piratpartiet.se/medlemsantal
(dort sind wichtige Teile auch auf Deutsch zu lesen.)
Endlich gibt es auch hier in Schweden mehr Menschen, die auf demokratischem Weg deutlich ihre Stimme erheben und Autoritäten in Frage stellen. Autoritäten, die in Schweden durch ihre Macht mehr und mehr den Bürger in Frage stellen, überkontrollieren und mit immer neuen Gesetzen zu entmündigen versuchen und den Schutz der persönlichen
Integrität des Einzelnen ins Absurde führen.
Bravo Piratpartiet! Ihr repräsentiert die Hoffnung für einen Wandel in der
schwedischen Gesellschaft. Mit euch hoffe ich, dass dieses Land wieder menschliche Werte in den Vordergrund stellt, mit denen es in den 70er Jahren Vorbild für die Welt wurde.
Die drei Hauptüberzeugungen der Piratenpartei sind:
Bürgerrechte und persönliche Freiheit
Wir wollen die Richtlinie über die Vorratsdatenspeicherung aufheben und das Recht des Bürgers auf Privatsphäre stärken.
Befreit unsere Kultur
Wir wollen ein faires und ausgewogenes Urheberrecht schaffen.
Wir wollen ein kulturelles “Recht zum Gemeingebrauch” (schwedisches Jedermannsrecht, “allemansrätten” - A.d.Ü.).
Patente und private Monopole schädigen die Gesellschaft
Wir wollen Patente abschaffen.
Private Monopole sollten bekämpft werden.
Fazit:
Wir sind vereint in unserer Verteidigung des Rechts auf Privatsphäre, unserem Willen zur Reform des Urheberrechts und der Notwendigkeit der Abschaffung von Patenten.
(Um uns zu einer starken Bewegung zu vereinen, haben wir es vorgezogen bezüglich politischer Themen, die nicht mit den hier erklärten Grundsätzen in Verbindung stehen, keine Position zu beziehen).
(siehe im Volltext: http://www.piratpartiet.se/international/deutsch )
In Deutschland gibts eine Schwester: http://www.piratenpartei.de/
er hing an einem Elch, war ja zu vermuten …

Jetzt ist auch bei uns der Frühling in vollem Gang. Heute morgen hat mir der Nachbar erzählt, dass die Schwäne über Jokkmokk geflogen sind. Zudem gibt es noch andere Frühlingsanzeichen: Schneelawinen fallen alle halbe Stunde vom Dach, es rumpelt ständig und unser Hund wird schon ganz nervös. Es tropft überall, die Straßen sind schon fast eisfrei, vor unserer Garage haben wir schon trockene Flächen entdeckt; manche Schweden haben schon ihre Sonnenstühle in den Schnee gestellt; auf dem See kann man nicht mehr laufen, weil man kniehoch im Schee versinkt … Frühling in Lappland (vorgestern hat mir eine Frau gesagt, dass es hier auch im Juni noch schneien kann …)